Ausgehend von der im Text „Und das Telefon klingelt! Eines Tages. Ganz bestimmt.“ von Marina D’Oro beschriebenen Stimmung fotografierte die Medienkünstlerin Annmarie Sidor mehrere hundert Aufnahmen, um daraus eine Videosequenz zu erstellen. Im Vordergrund stand dabei die assoziative Darstellung der Atmosphäre des Textes, eine plakative 1: 1 -Abbildung der Situationen aus der Erzählung wurde bewusst vermieden. Die entstandene Videosequenz folgt z. T. in ihrem eigenen Bild- und Erzählrhythmus dem Text und entfernt sich gleichzeitig ausdrücklich von der Bildwelt der Erzählung. Dadurch entsteht eine spannungsgeladene Widersprüchlichkeit. Der befremdliche Ablauf der Bewegungen erzeugt eine Verschiebung der Zeitwahrnehmung und bewirkt im Betrachter eine weitere, über den Text hinausgehende, innere Unruhe.

Und das Telefon klingelt! Eines Tages. Ganz bestimmt.

Mein Kopf klebt wie – weiß nicht wie was; fühlt sich an, als würde er brüten. Nichts brütet er aus. Die Worte kleben oder sind irgendwo kleben geblieben, weiß nur nicht wo. Ob sie sie mir geklaut hat? Damals vielleicht?
Ist schon wahr, das Telefon hat geklingelt. Mitten in der Nacht hat es sich gewissermaßen erhoben, hat Zeichen gegeben und meinen Schlaf zerrissen. Ich hab dann meine weißen Knochen erhoben; schwer waren sie, wie mit Äther vollgepumpt.
Ich hätt es wissen können. Aber wollen hab ich es nicht. Das Telefon hat geklingelt. Und da ist wer dran gewesen. Wer, den ich kannte. Dabei hätt es wer anders sein sollen. Wer, weiß ich nicht. Ich kenn seinen Namen nicht. Weiß nur, wo er sitzt. Und das Telefon hätte geklingelt, natürlich nicht mitten in der Nacht. An einem Tag ganz bestimmt. Es hätte geklingelt, ich weiß es genau. Aber ich wär dagestanden und hätte am ganzen Körper geklebt. Wie schmierige Worte. Ich hab sie mir schon oft zurechtgelegt. Die hätt ich hören wollen. Aber nicht diese gottsigen Drei, die ich dann zu hören bekam.

Erst mal sagte meine Schwester bloß: Ich bin's! Dann sagte sie nichts. Ich hätt schon hören können, was sie nicht sagte. Aber ich war noch zu besoffen von meinem Traum, in den ich mich eingeigelt hab. Denn ich hab ja damit gerechnet, dass das Telefon klingelt. Eben nur nicht zur Unzeit. Mitten am helllichten Tag hätt es geklingelt, und ein freundlicher Mensch hätte den entscheidenden Satz gesagt, auf den ich immer warte. Ich wart darauf, seit es mich gibt – glaub ich – oder so ähnlich. Lang genug jedenfalls. Viel zu lang. Einem hätt es doch auffallen müssen. Ich wär schon lange dran gewesen, find ich.

Aber das Telefon klingelte in jener Nacht. Ich hab's ja geahnt. Wie ein bissiger Hund lagerte es auf dem Vorleger vor meinem Bett und wartete nur darauf, mich aus dem Traum zu reißen, in dem ich meine Erwartungen hegte und meine offenen Lefzen leckte.

Und dann hat's ja wirklich geklingelt. Aber nur meine Schwester war dran. Warum sie mitten in der Nacht anrufen musste, weiß ich nicht. Es hätt auch nichts geändert, wenn sie erst am helllichten Tag angerufen hätt. Vor allem hätt sie dann nicht so lang schweigen müssen. Bis dahin hätt sie die drei Worte üben können, die sie mir sagte. So aber schwieg sie erst einmal drei Ewigkeiten lang, vielleicht waren es auch sieben. Dabei schniefte sie zwei-, dreimal dezent, als wär das jetzt die neueste Art modernen Lebens. Aber sie schaffte es, dass ich schließlich glockenwach mitten mit meinen weißen Knochen in der Nacht stand und mich ganz und gar ihren ungesagten Worten hingab. Vielleicht hab ich mich damals an sie verloren. Denn seither kleben meine Worte wie alte Bonbons am Einpackpapier, aus dem man sie nicht mehr herausbekommt.

Hätte damals mitten in der Nacht das Telefon geschwiegen und sie nicht gesagt: Mutter ist tot, da bin ich mir sicher, ich weiß es genau, dann hätt das Telefon am helllichten Tag geklingelt, und einer hätte mich ganz freundlich nach meinen Worten gefragt. Aber so hab ich sie nur die Nase hochgezogen und in meinem Hirn verloren. Heut steh ich immer noch da wie verschmiert und verklebt. So wie damals, als das Telefon wirklich geklingelt hat.
Ich hätt es wissen können. Aber ich hab es nicht wollen. Und deshalb hat mich damals der elektrische Stoß direkt getroffen und ist nicht über das Telefon gegangen. In meinem Kopf hat es geklingelt. Und meine Mutter, die Worteschneiderin, hat meine Worte aus mir herausgeschnitten und mitgenommen. Bloß noch verkrustete Tränen hab ich für sie gehabt. Dabei wollte sie so viele Worte. Die kleinen Bindeworte, die ich noch hatte, die hab ich ihr ins Grab hinterhergeworfen, ein paar abgeschnittene Blumen drauf. Und dann kamen auch schon die Bodengräber und schütteten braune Brocken drüber.

Dass das Telefon eines Tages noch klingelt, das glaub ich seither nicht mehr.